1.2 Geocaching – auf der Jagd nach Geschichte

GPS-Gerät des Herstellers Garmin im Einsatz

Geocaching-Gruppe mit Tablet und Smartphone

Bei der Erkundung des öffentlichen Raums warten immer wieder neue Entdeckungen auf die Teilnehmer

Von Julia Wolrab und Annemarie Hühne.

„Nicht so sehr das Lesen von Texten, sondern das Hinausgehen in die Welt und die Bewegung in der Welt sind die primäre und paradigmatische Form der Erkundung und Erschließung.“ Dieser Anspruch, den Karl Schlögel an sein Werk „Im Raume lesen wir die Zeit“ stellt und dadurch zu einer Entdeckung der Zivilisationsgeschichte auffordert, könnte ebenso gut der Leitsatz eines Geocachers sein:

Mit Hilfe von Koordinaten werden beim Geocaching, auch digitale Schatzsuche genannt, versteckte Objekte gesucht. Das Spiel basiert auf der Technik des Global Positioning Systems (GPS). Die „Geocacher” suchen mithilfe von GPS-Koordinaten nach zuvor im Internet recherchierten Orten. Am Ort angekommen findet sich meist eine Plastikbox – der „Cache”. In der Box: ein Logbuch, in das der Besuch eingetragen wird und oft auch kleine Gegenstände zum Tauschen. Es gibt verschiedene Arten von „Caches“. Beim „Traditional Cache“ sind die genauen Koordinaten angegeben, beim „Mystery Cache“ muss ein Rätsel gelöst werden, um die Koordinaten zu ermitteln und beim „Multi Cache“ sollten verschiedene Stationen mit Aufgaben erkundet werden, durch die die Final-Koordinaten herauszufinden sind. In Deutschland sind die meisten Geocaches auf den Plattformen www.geocaching.com und www.opencaching.de zu finden. Caches müssen im Internet zwar nicht zwingend auf diesen Portalen veröffentlicht werden, doch bieten sie eine einfache Plattform für öffentliche Sichtbarkeit und gegenseitigen Austausch.

Es ist die besondere Technik, die die Methode des Geocaching für die außerschulische Geschichtsvermittlung qualifiziert, deren Möglichkeiten und Grenzen jedoch bislang kaum wissenschaftlich beleuchtet wurden.
Alexander König, Geschichtslehrer sowie Leiter der Landesbildstelle und des Fachgebiets E-Learning am Landesinstitut für Pädagogik und Medien Saarbrücken, beurteilt die Entwicklung der „digitalen Geschichtsdidaktik“ seit Mitte der 1990er Jahre als einen mehrstufigen Prozess. Der dritten Phase „Historisches Lernen 3.0“, die seit den Jahren 2010/11 zu beobachten sei, kann auch das Geocachen zugeordnet werden. Charakteristisch für diese Phase ist das formelle historische Lernen vor Ort; eine Tatsache, die auch auf einen Bedeutungszuwachs regionalkonnotierter Geschichtsvermittlung hindeutet:

„Lernende bewegen sich durch Kulturlandschaften mit der Absicht an konkreten Orten (location based) eventuell auch spielerisch (game based) dem Gewordensein von Straßen, Plätzen, Bauwerken, Denkmälern usw. nachzuspüren. Lernende suchen, entdecken und dokumentieren mit Hilfe digitaler Medien in der sie umgebenden Lebenswelt Spuren der Vergangenheit.“ Alexander König: Historisches Lernen goes mobile.  Opens external link in new windowwww.brennpunkt-geschichte.de

Geocachen ist überall möglich: Auf dem freien Feld, in der Großstadt, auf Wanderwegen oder auf dem Gelände einer Gedenkstätte. Bei Letzterem bieten meist begleitende Ausstellungen, statische Info-Stelen, von Gedenkstättenpädagogen initiierte Führungen oder Audioguides Möglichkeiten, um sich am Erinnerungsort mit seinen historischen Überresten zu orientieren und das Gesehene durch eine entsprechende Kontextualisierung in einen Sinnzusammenhang einordnen zu können. Das aktive Zutun der Besuchenden beschränkt sich dabei in den meisten Fällen auf das Hören oder Sehen der Inhalte. Ein interaktiver Austausch zwischen der einer Gedenkstätte oder einer Ausstellung inhärenten Narration und ihren Medien, der Wirkung des historischen Ortes sowie den Gedanken und Meinungen der Besucher, wird meist nur am Rande oder nicht vollständig angeregt.
Hier setzt der Gedanke von historischer Bildungsarbeit mit Geocaching an: Oftmals befinden sich interessante Geschichts- und Erinnerungsorte im eigenen Lebensraum, doch die meisten wissen nicht einmal um deren Existenz. Mit der Geocaching-Technik können gerade solche weitgehend unbekannten oder vergessenen Orte wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden. Für gute Bildungsarbeit mit Geocaching erscheint zentral, dass es nicht um eine schnelle Sammlung von Zahlen und Fakten geht. Die Cacher sollten vielmehr dazu angeregt werden, sich intensiv mit dem Ort auseinanderzusetzen. Das „Aktiv-werden“ beschränkt sich ferner nicht ausschließlich auf die physische Bewegung von Ort zu Ort, sie soll auch zur Selbstreflexion durch Partizipation anregen. Die gestellten Aufgaben könnten dann wiederum eigene Produkte im Kontext entstehen lassen oder zu einer Diskussion innerhalb einer Kleingruppe anregen. Grundsätzlich bieten sich daher vor allem Multi-Caches für historische Bildungsarbeit an. An mehreren Stationen auf einem Rundgang lassen sich so verschiedene Orte erkunden und unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen.

Best practice: Das Multicache-Projekt „Wo Gras drüber wuchs – das Tempelhofer Feld im Nationalsozialismus“
Im Sommer 2012 begannen Grabungen von Archäologen der Freien Universität Berlin auf dem Tempelhofer Feld, die historische Funde aus der Zeit des Nationalsozialismus ans Licht brachten. Die freigelegten Grundmauern einer Zwangsarbeiterbaracke der Lufthansa mussten jedoch aus Gründen des Denkmalschutzes wieder zugeschüttet werden. Die Spuren der nationalsozialistischen Vergangenheit auf dem Tempelhofer Feld bleiben daher für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Durch das Projekt „Wo Gras drüber wuchs – Das Tempelhofer Feld im Nationalsozialismus“ wollte die Berliner GbR past[at]present diese Orte sicht- und hörbar machen und durch Komponenten des Geocachings zum Neuentdecken dieser Geschichte einladen. Das Anliegen der Projektverantwortlichen war es, diese Orte, insbesondere für Jugendliche, mit einer großen Vielfalt an Perspektiven hörbar und erfahrbar zu machen. Eingebettet in einen multimedialen Workshop spricht das Projekt gezielt Jugendgruppen der außerschulischen und schulischen Bildung aus den an das Tempelhofer Feld angrenzenden Bezirken an: Professionell eingesprochene historische Dokumente und Interviews ergeben etwa zehn Stationen auf dem Tempelhofer Feld. Die Teilnehmer empfangen am authentischen Ort über einen Tablet-PC Hintergrundberichte zur Bedeutung des Tempelhofer Feldes im Nationalsozialismus und zu persönlichen Schicksalen. Töne und Bilder aus der Vergangenheit treffen auf die Gegenwart des beliebten Freizeitortes Tempelhofer Feld und somit auch auf die Lebenswelt der Jugendlichen. In Kleingruppen von jeweils drei oder vier Teilnehmenden werden mithilfe der GPS-Funktion eines Tablet-PCs  und der kostenlosen App „Locus“ einzelne Stationen über die geografischen Koordinaten aufgesucht. Haben sie ihr Ziel erreicht, finden sie an dieser Station beispielsweise einen Hinweis, der die Geschichte des Ortes zeigt, über Audiostücke werden Hintergründe erklärt und mit Aufgaben werden die Teilnehmenden zur nächsten Station führt. Zielgruppengerechte Fragestellungen regen die Jugendlichen zur Diskussion über das Gehörte und das Gesehene an. Nachdem auch der letzte, der „Final-Cache“ gefunden wurde, werden die Caches von den Teamern wieder eingesammelt. Die Caches dieses Projektes sind somit keine statischen Verstecke, die theoretisch von jedem Geocacher zu jeder Tages- und Nachtzeit gefunden werden können, sondern werden explizit nur für die Dauer des Workshops versteckt.

Lasst uns Demokratiegeschichte suchen!

Bei einem Blick auf verschiedene Plätze der „Demokratiegeschichte“ in Deutschland lassen sich bisher nur wenige „Bildungs-Caches“ finden. Am Hambacher Schloss befindet sich beispielsweise ein Cache mit dem Namen „Die Wiege reloaded“. Dabei wird auf die Bezeichnung des Schlosses als „Wiege der Demokratie“ Bezug genommen. Aber eine Erklärung warum es diese Benennung gibt, ist nicht zu finden. Außerdem ist der Cache als einfacher „Traditional Cache“ gestaltet. Die oder der Suchende nutzt also nur die Koordinaten um zum Schloss zu kommen, sich ins Logbuch einzutragen und eventuell noch einen Gegenstand zu tauschen. Inwieweit danach eine Auseinandersetzung mit dem Ort stattfindet, ist nicht nachzuvollziehen. Möglichkeiten der Verbesserung wären daher eine kurze textliche Erklärung zum Ort, Hinweise auf Ausstellungen und Bücher zum Thema oder die Gestaltung eines Multi-Caches, bei dem durch verschiedene Aufgaben eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes ermöglicht wird.
Auf dem Areal der Gedenkstätte Point Alpha in Geisa (Thüringen), die sich mit der Geschichte der innerdeutschen Grenze am ehemals bedeutenden Militärstützpunkt Point Alpha an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen auseinandersetzt, sind indes bereits viele Caches versteckt, u.a. zum „Haus auf der Grenze“, dem Ausstellungsgebäude auf dem ehemaligen Grenzstreifen, oder zu einem noch erhaltenen Wachturm auf dem Gedenkstättenareal. Dies sind allerdings Caches, die für den Freizeit-Geocacher im Rahmen des gesamten Spiels versteckt wurden. Gezielt für eine Bildungsarbeit zum Ort wurden diese Caches nicht konzipiert.
Bisher werden die meisten Geocaches, die für die Bildungsarbeit entwickelt wurden, nur von den Einrichtungen selbst genutzt und in ihren pädagogischen Programmen angeboten.
Allerdings gibt es auf zahlreichen Blogs auch Ideen für mögliches Caches in dem Bereich: Opens external link in new windowwww.dotcomblog.de/geocaching-projekt-goes-educaching

Vorreiter für Ideen zum Einsatz von Geocaching in der Bildungsarbeit ist die Plattform: Opens external link in new windowhttp://pb21.de/category/dienste-werkzeuge/geocaching-mobiles-lernen/ Dort werden  Projekte zum mobilen Lernen und Geocaching vorgestellt.

Kennen Sie Geocaches, die sich mit Orten der Demokratiegeschichte beschäftigen? Dann schicken Sie uns diese zu. Wir werden diese zusammentragen und veröffentlichen.

Ansprechpartner zum Projekt auf dem Tempelhofer Feld:
past[at]present
info(at)past-at-present.de

Fotos und Bildunterzeilen:
Versteck_125858.jpg: Gut getarnt: Ein Cache in seinem Versteck
GPS_498418294_o.jpg: Ein professionelles GPS-Gerät ist gut, aber Geocachen funktioniert auch mit einem Smartphone oder dem Tablet-PC.
Suche WS Gangway 2.jpg: Mit dem Tablet-PC auf den Spuren von Geschichte. Jugendliche bei einem Geocache-Workshop auf dem Tempelhofer Feld.
Alle Fotos:  past[at]present

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